Man will meinen, dass die Zeiten in denen wir leben, aufgeschlossene wären. Doch sind sie das wirklich? Menschen ticken möglicherweise gar nicht so. Menschen sind skeptisch, voreingenommen und sind nicht gerade die Freunde des Unbekannten. Für viele wird das so zutreffen. Und dennoch gibt es auch viele tolerante Menschen und viele Menschen, die Teil der Queeren Szene sind. In der Gesellschaft sind neue Identitätsstrukturen angekommen. Ganz unvoreingenommen kann man sagen, dass es für diverse Identitätsgefühle von Menschen mittlerweile eine Bezeichnung existiert, beziehungsweise verschiedenste Pronomen.
Diese neue Identität scheint aber auf meinen ersten Blick noch recht zerbrechlich zu sein. Zu tief sitzen alte Muster uns Glaubenssätze in den Menschen verankert. Ja, auch in mir denke ich. Diese gesellschaftliche Entwicklung ist kein Sprint, sondern wohl eher ein Marathon. Es gibt noch viel schwarz und weiß. Was Menschen von Entwicklung abhält, ist die scheu vor Veränderung. Das Neue und Unbekannte ängstigt Menschen, was sicher in den Genen verankert ist und auch ein effektiver Selbstschutz ist. Doch genau solche Ängste bringen leider allzu oft auch die unschönen Seiten von Menschen hervor.
Außerdem haben Menschen einen hang dazu, sich über etwas aufregen zu wollen. Vielleicht ist diese Ausprägung auch eine kulturelle Sache, aber mein Einkaufserlebnis auf einem Supermarktparkplatz hat mir das noch mal deutlich gemacht. Ländliche Gegend und zwei Herren, die sich über die Regenbogenflagge auslassen und es nicht verstehen können, warum die Supermarktkette unbedingt Farbe bekennen muss. Dieses Erlebnis ist nun schon eine ganze Weile her und dennoch ist es noch in meinem Kopf. Doch auch ich habe in diesem Moment vielleicht nicht korrekt gehandelt, denn obwohl ich diese „private“ Unterhaltung mitbekommen habe, habe ich die Herrschaften nicht darauf angesprochen. Das beschäftigt mich natürlich auch.
Auf der anderen Seite, wenn man offen sein möchte und alle Arten des Lebens zulassen möchte, dass man dann auch tolerant denen gegenüber ist, die vielleicht noch nicht so weit sind, oder eben auch noch vorbehalte haben. Wenn ich den letzten Satz gerade noch mal lese, merke ich, dass da viel Zündstoff enthalten ist. Ich finde aber, dass Toleranz in alle Richtungen gelebt werden muss, solange wir von Verhaltensweisen sprechen, die niemanden Schaden zufügen. Denn ich denke, konservativ leben zu wollen, sollte nun mal auch nicht verurteilt werden. Leben und leben lassen!
Apropos konservativ Leben wollen. Ich konnte durchaus schon feststellen, dass eben auch bei homosexuellen Partnerschaften konservative Strukturen bestehen. Nur weil zwei Menschen das gleiche Geschlecht lieben, heißt es ja nicht, dass sie nicht die klassischen gesellschaftlichen Strukturen bevorzugen. Fing so nicht mal die Bewegung an? Denn diese Menschen möchten ja eigentlich das klassische „heteronormative“ Leben, also heiraten, vielleicht Kinder haben und eine Familie gründen und ein Haus bauen etc. Ja, so ganz anders als andere Menschen sind gleichgeschlechtliche Paare wohlmöglich doch nicht.
Da ist es in einem Poly-Leben schon etwas anspruchsvoller. Die klassischen Gesellschaftsstrukturen passen hier einfach nicht und ich habe das Gefühl, dass diese Lebensweise vielleicht toleriert und akzeptiert wird in aufgeschlossenen Kreisen, doch dass man vielerorts eher auf Unverständnis trifft. Dann gibt es die Poly-Lebenden, wo zwei Protagonisten offiziell verheiratet sind und dann mit weiteren Menschen ihr Leben und den Alltag teilen. Hier muss ich glaube ich tolerant sein, weil ich das nicht so gut verstehen kann. Wie kann man poly leben wollen, aber nur den einen Part heiraten? Vielleicht ist das aber auch nur der Wunsch, dass man in der Gesellschaft so akzeptiert werden möchte.
Was soll ich sagen, letztlich lebe ich ganz genau so, denn ich habe mit meiner Partnerin ein Kind, mit meiner weiteren Partnerin aber nicht. Das sich daraus gewisse Hierarchien ergeben, ist gar nicht so leicht zu verhindern. Aber ich glaube das die „Poly Community“ auch erstmal seinen Platz finden muss. Ich stelle auch immer mal wieder fest, dass Menschen eben auch gerne kontrollieren und sich gerne der Illusion der Kontrolle hingeben mögen, was auch dazu führt, dass sie gewisse Besitzansprüche auch auf Menschen in ihrem Umfeld erheben. So funktioniert aber Poly-Life aus meiner Sicht nicht.
Ich mag diese offene Art zu leben, ich finde, dass sich Toleranz gut anfühlt und für mich ist dieses Leben ein wesentlicher Teil meines Freiheitsgefühls.
Kommentare von Runner_Tom